„Du warst niemals in Gefahr.“ Verwundert zog ich die Augenbrauen hoch unterdessen Jakumo aufseufzte.

„Die einzige Gefahr für dich, bin ich. Alles andere müsste zuerst an mir vorbeikommen. So lautet der Auftrag. Dich in Gewahrsam zu nehmen und aufzupassen, dass dir nichts Ernsthaftes geschieht.“

Er sprach kaum hörbar und doch erfüllten mich seine Worte mit einer traurigen Klarheit.

„Also war alles nur für dein Mandat. Ist es nicht furchtbar armselig für jemanden zu sterben, den man hasst?“, richtete ich das Wort an ihn.

„Natürlich war alles nur für das Mandat, oder dachtest du etwa etwas anderes? Ja, es ist armselig, da hast du ausnahmsweise Recht.“ Voller Hohn in der Stimme antwortete er. Er wirkte irgendwie erleichtert.

„Ich dachte, du wärest anders…ein Lebewesen, doch das einzige, was du bist, ist ein Raubtier und ein Mörder“, erwiderte ich, mutig geworden.

„Du hast Recht.“

Kopfschüttelnd stand ich da, voller Hilflosigkeit, während mein Feind sein Gesicht in den Händen vergrub und seine Verzweiflung mich traurig werden ließ.

 

Diese Nacht hielten mich unruhige Gedanken wach und das Sehnen nach meinem Geblüt.
Ob sie mich ebenso vermissten?

Ich wusste es nicht. Dann aber trat das Bild von Jakumo in den Vordergrund und ich erinnerte mich an die Nacht, in der der Himmel getobt hatte, an die Nacht, in der alles anders gewesen war.

Ich wusste, dass es verrückt klang, doch wenn ein Gewitter nahte, war ich nicht mehr ich selbst. Gewitter machten mir noch schmerzlicher als alles andere bewusst, dass ich etwas verloren hatte, etwas was nie wiederkehren würde.
Und das alles einen Sinn gehabt hatte. Ich wusste, weshalb die Vampire mich jagten, weshalb sie Mimikal umbrachten.

Weil wir die Gabe besaßen. Die Gabe der Laetizia Auruna.

Sie schlummerte in uns. Bis sie erwachen würde. Und nur unsere Feinde wussten, wie. Deshalb hatten sie meinen Bruder ermordet. Doch mein Tod rückte in weiter Ferne, wenn ich bedachte, was ich bei den Genéviews erfahren hatte. Dass sich alle Allianzen von Grund auf  verhasst waren, jede der anderen jeglichen Ruhm neidete.

Und dass ich früher oder später ihre Waffe sein würde. Eine lebendige Waffe, hatten sie es genannt, tödlicher und gefährlicher als alles andere.
Dass ich ihre Marionette war.

Voller Schuldgefühle fiel mir ein, dass ich in der Nacht des Unwetters Jakumo zu viel verraten hatte. Viel zu viel.

Ein kaum wahrnehmbares Quietschen der Tür ließ mich atemlos verharren. Ein großer Schatten kam auf mein Bett zu, vollkommen geräuschlos, als würde er schweben.

An seinem katzenhaften Gang erkannte ich ihn schemenhaft.

Schnell schloss ich die Augen, machte ruhige, tiefe Atemzüge und gab mir Mühe, meinen rasenden Herzschlag zu beruhigen, denn ich war mir sicher, er hörte es.

So verweilte ich in meiner Position geraume Zeit, bis ich mich fragte, ob ich vielleicht alles nur geträumt hatte.
Gerade als ich blinzeln wollte, spürte ich, wie sanft eine kühle, glatte Hand mir die Haare aus dem Gesicht strich.

„Angel?“ Wie seltsam seine Stimme klang, so liebevoll und samtig. Dass ich nicht antwortete, schien ihn zufriedenzustellen.

Leise knarrte das Bett, als er sich auf die Bettkante setzte und einen Arm um mich legte. Ich war so verwirrt, dass ich alles geschehen ließ.

Und plötzlich entsann sich mein Körper, bevor auch nur ein Gedanke mein Gehirn durchzucken konnte, wusste er alles.

Ich hatte geglaubt, nur geträumt zu haben, unterdessen ich jede Nacht einen kühlen Körper neben mir gespürt hatte und Hände, die behutsam über meinen Rücken fuhren, immer im gleichen Takt zu meinem Herzschlag.

Mit Erstaunen wurde mir bewusst, dass er mir Geborgenheit gegeben hatte, in jenen Nächten, dass ich ihn mit meinem Geblüt verglichen hatte, im Schlaf.

Ich fühlte seinen eiskalten Atem auf meinem Gesicht und wie seine glatten, perfekt geformten Lippen meine Stirn berührten.

„Ich kam wieder zu mir, weil die Angst, dich zu verlieren größer war, als jeder Hass, den ich je empfunden habe.“

Mit diesen Worten erhob er sich vorsichtig.

„Träum schön, kleine Lilamurah“, hauchte er in mein Ohr.

Dann war er fort. Verschwunden, wie ein Geist, wie ein Traum.
Und ließ mich und mein verwirrtes Herz allein zurück in der Dunkelheit.

 „Du bist mein unsterblicher Geist, gefangen in einem verletzlichen Körper. Du bist mein Schwert der Rache und Gerechtigkeit, welches ich sende.“

Es war Laetizia, sie sprach zu mir. Doch plötzlich riss mich etwas anderes aus den Tiefen des Schlafes.

„Du wurdest auserwählt, mein zu sein.“

Schweißgebadet wachte ich auf und tastete nach der kleinen Nachttischlampe, deren Schirm mich so sehr an die Blume, welche Falko mir einst geschenkt hatte, erinnerte.

Die schaurig betörende Stimme hallte wieder und wieder durch meinen Kopf.

Ich war es gewohnt, stets im Schlaf Laetizias weiche Stimme zu hören, dem Klang von tausenden von raschelnden Blättern, dem Plätschern des Flusses und dem leisen Glockenspiel des Windes ähnelnd. Doch diesesmal war es nicht die ihre gewesen.

Die Gewissheit durchzuckte mich, wie ein Blitz die schwüle Sommerluft durchzuckte.

Er hatte mich gefunden. Laetizias Schattenseite.

„Wo bist du?“, flüsterte ich angstbebend in das dämmrige Gemach hinein. Es erschien mir größer und bedrohlicher denn je.

Plötzlich erspürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Sanft und gefährlich. Ich erstarrte.

„In der Finsternis immer an deiner Seite.“ Ich wagte nicht meinen Kopf in Richtung seiner Stimme zu wenden.

„Wie konntest du mich finden?“ Hoffnungslosigkeit breitete sich in mir aus. Ebenso wie die Erleichterung.

Ähnlich wie die fünf Elemente gegeneinander kämpften, rangen sich meine Gefühle mit jenem, welches mein ständiger Begleiter geworden war.

„Deine Gedanken sind auch meine.“

Ergeben schloss ich die Augen.

„Du kannst nicht ewig vor deinem Schicksal flüchten, Zipporah, Königin der Elfen. Du musst dich entscheiden.“

Er wusste es, ebenso wie ich es ahnte.
Ich war auserwählt, ihre Befreierin, ihre Königin zu sein.

„Es ist noch nicht an der Zeit. Niemand erinnert sich daran, wie die Kräfte geweckt werden können, es gibt keine Legenden, keine Überlieferungen. Die Morjakimales nahmen alles an sich. All unsere Kultur, sie raubten unsere Vergangenheit.
Die Geschichte des berühmtesten, stolzesten Volkes der Welt.“

Wenn Jakumo erahnte, dass ich wusste, was er vor mir verbarg und noch so viel mehr.

Zipporah. Mein wahrer Name. Der Name, der mir vorbestimmt gewesen war.
Wie alles seit meiner Geburt als Tochter der Laetizia Auruna.

„Aber die Schatten werden länger, sie beginnen, sich aus ihrer Verdammnis zu befreien. Der Zeitpunkt rückt näher.
Unausweichlich. Mit jedem deiner Atemzüge kommst du dem Abkommen näher.“

Voller Verführung sprach er. Es fiel mir schwer überhaupt noch seinen Verlockungen zu wiederstehen.

„Es gab nie ein Abkommen.“

„Oh doch. Oder hast du mich etwa vergessen?“

Mit einem Satz befreite ich mich aus der Bettdecke, mit schierer Selbstdisziplin stieß ich die Hand von mir und sprang aus dem laut aufknarrenden Bett.

Ich hoffte, dass Jakumo nicht aufwachen würde.

Mein Hemd war nass, von dem geschmolzenen Eis, welches die Berührung seiner Hand hinterlassen hatte.

Dann blickte ich in sein markantes Gesicht.

Die gespenstisch weiße Haut, das kupferfarbene Haar, was in dem schwachen Licht der seltsamen Lampen, leuchtete.

Er war mein Vertrauter. Der einzige, der mich verstand und begriff, wie ich fühlte.

Auf seinem pechschwarzen Umhang schimmerten tausende von winzigen Sternen. Es war der Nachthimmel.

Das unglaublich tiefe Schwarz erinnerte mich an die Zeit, in der auch ich einer seiner Diener, ein Schatten gewesen war. Verdammt in ewiger Finsternis bis all meine Sünden vergeben waren. Es war schrecklich gewesen. Grausamer sogar als mein Tod.

Bis meine Seele einen neuen Körper bekommen hatte.

Und doch hatte er mich nie ganz freigegeben.

 
Und nun stand ich vor ihm.

Vor Raheluká. Dem Herrn der endlosen Nacht.

Dem Herrscher über Leben und Tod.

„Wie hätte ich dich je vergessen können, nachdem du versprachst, mir immer nah zu bleiben?“, erwiderte ich kühl auf seine Frage.

Ein Lächeln umspielte die  schmalen Lippen, doch keine einzige Falte umsäumte seinen Mund.

Wie ein Morjakimale, dachte ich bei mir, nur sein Geist altert.

Dann verschwand Raheluká. So plötzlich wie er gekommen war. Und mit ihm war auch der Trost fort.

Aber es war besser so. Ich seufzte und machte immer noch mit zittrigen Beinen, einen Schritt zurück auf mein Bett zu. Die wolkenweiße Uhr tickte leise vor sich hin. Wie immer konnte ich aus den beiden Holzstücken und den funkelnden Perlen an den Spitzen nicht schlau werden. Egal auf welches seltsame Zeichen sie zeigten. Jakumo hatte dazu einmal Zahlen gesagt. Es war ein seltsamer Name. Ebenso wie Laptop oder Badewanne.

Beinahe hätte ich über mich selbst laut aufgelacht. Im letzten Moment besann ich mich jedoch und verkniff es mir um Jakumo nicht zu wecken. Es war so absurd, mittlerweile wunderte es mich nicht mehr, dass andere Wesen mich für verrückt erklärt hatten.

Gerade eben zum Halbmond hatte er mich besucht. Er, vor dem sich alle fürchteten.

Er, vor dem es kein Entkommen gab.

Der Tod. Raheluká.

Und wenige Atemzüge später dachte ich über fremdartige Wörter nach.

Ich wusste, weshalb ich das tat. Um zu verdrängen, dass er mir fehlte, wenn er nicht bei mir war.

Es fehlte jene Freiheit, die er versprach. Die Freiheit, die nur er bringen konnte.

Gedankenverloren setzte ich mich an den Schminktisch und begann meinen Zopf neu zu flechten.

Es war seltsam, zu wissen, dass er mir immer nah sein konnte. Die letzten Vollmonde jedoch war er stets fortgeblieben. Auch als die Genéviews mich gequält hatten und ich nach ihm gefleht hatte, war er nicht gekommen.

Mit einem Mal fühlte ich einen scharfen Blick in meinem Rücken. Panisch wand ich mich um. Nichts.

Als ich erneut in den Spiegel blickte, hätte ich beinahe aufgeschrien. Die Bürste fiel mir aus der Hand und kam klirrend auf dem Boden auf.

Raheluká stand hinter mir. Wie im Trance starrte ich ihn durch den Spiegel an.

Ich bemerkte kaum, dass seine Hand an meiner Kehle ruhte.

Das vertraute Gefühl durchzuckte mich.

„Ich könnte dich erlösen, Zipporah. Diese Bürde, die dir aufgezwungen wurde, von dir nehmen.

Ich könnte dich nach Notburga führen. Dem Land der Seelen.“

Unerwartet schien sich das Spiegelbild zu verändern. Es verschwamm und dann…

Mein Atem stockte.

Notburga. In all seiner Pracht und überwältigender Schönheit erblickte ich es.

Wie ein Traum. So endlos weit entfernt, nur durch den Tod erreichbar.

Jener Sage nach jedoch, war es der Königin der Lilamurahs und Likavenifs  möglich, ihre Familie in das Land  der Seelen zu führen. Zu dem Ort, der dem letzten Guten dieser Welt vorbehalten war.

Den Elfen.

Ich schloss die Augen, unterdessen seine magische Stimme, mich beinahe besinnungslos werden ließ.

All die Trauer, die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit entflammten in mir.

Ich wollte diese Welt versinken lassen, die nur noch aus Schmerz zu bestehen schien.

Und ich erspürte jenes Verlangen, mich von allem zu befreien.

Raheluká strich mit der Hand mein Haar zur Seite, voller Hingabe, und küsste meinen Hals. Seine Lippen fühlten sich so leidenschaftlich warm auf meiner Haut an, auch wenn ich wusste, dass sich Eisblumen überall dort verteilten, wo er mich berührte.

Sie schmolzen durch meine glühende Wärme und flossen an meinem Dekolleté hinab.

Er liebte mich. Seitdem er mir in die Augen geblickt hatte und in ihnen zum ersten Mal in seinem Dasein Glückseligkeit und Melancholie unzertrennlich miteinander verbunden gesehen hatte.

„Dir würde es vergönnt sein, deinen Bruder Mimikal wiederzusehen.“

Als ich seinen Namen hörte, erwachte ich aus dem Bann der Verführung.

„Nein!“ Mein Schrei verklang hysterisch. Ruckartig sprang ich auf.

Ungläubig starrte Raheluká mich an. Mit diesen pechschwarzen Augen, die vor Sehnsucht golden schimmern konnten und jeden in ihren Bann zu ziehen vermochten.

Wie oft hatte ich ihn angefleht, mich zu erlösen.

Und nun schlug ich sein Angebot aus, wies ihn ab. Ihn und die Freiheit in Ewigkeit.

„Ich bin noch zu jung. Das kann noch nicht das Ende sein“, flüsterte ich.

„Das Alter spielt keine Rolle, Zipporah.“

Er trat zu mir und strich über meine Wange, wie zum Abschied.

„Es läuft ohnehin auf das selbe hinaus. Ich gewinne immer…“, hauchte seine samtene Stimme. Kurz drohte mein Geist erneut schwach zu werden, doch besann ich mich rechtzeitig.

„…denn ich habe Zeit…und Geduld, bis der Tag kommen wird, an dem du mein bist. Für immer.“

Darauf war er fort.

Doch dieses Mal vermisste ich nicht seine Anwesenheit.

Hinter mir hörte ich, wie die Zimmertür mit einem wütenden Fauchen aufgerissen wurde. Ich aber achtete nicht darauf.

Wichtigere Erkenntnisse machten sich in mir breit. Wie ein Feuer, dass sich rasend schnell ausbreitete.

Ich wusste, ich konnte mich selbst befreien.

Jedoch würde ich das zu Ende bringen, was Mimikal angefangen hatte.

Sein Tod sollte nicht umsonst gewesen sein.

Ein Gefühl der Gewissheit und des erwachten Stolzes durchzuckte mich.

Wie zur Strafe durchstoß mich darauf anklagend eine klirrende Kältewelle wie ein Messerstich und ließ mich bewusstlos zu Boden sinken.

Das letzte, was ich fühlte, war wie ein warmes Gefühl der Geborgenheit die Kälte vertrieb, als Jakumo mich hochhob.